Der dritte September

Da war er wieder, dieser Blick! Dieser Schalk in ihren Augen, dieser Ausdruck, fast schon eine Grimasse. Und mitten in meinem schallenden Lachen höre ich auf. Denn ich sehe nicht mehr nur sie, die kleine sture, absolut allerliebste, tausendschöne und verschmitzte 2jährige, die einen Tobsuchtsanfall nach dem anderen bekommt. Klar, sie ist ja 2. Nein, ich sehe D I C H. Genau D E I N E Mimik, genau D E I N Schalk, genau D E I N schepperndes Lachen. Und genau D E I N E Gesichtszüge. Die eine Kindergärtnerin meinte, Mini#2 sähe aus wie ich, total und absolut. Und ich musste schlagartig an das eine Foto denken, auf dem ich die kleine Süße auf dem Arm habe, sie war noch ein Baby und sie verliebt und leise anlächle. Auf dem Foto sehe ich genauso aus wie D U. D E I N Lächeln, D E I N E Gesichtszüge, fast wie das eine Bild von D I R und mir, als ich noch das Baby war. Und absolut DEIN Blick. So hast DU mich immer angesehen, so voller Liebe und so mütterlich.

Mama und Tochter

DU und ich mit 5 Jahren

Ich wünschte Du könntest sie sehen, sie erleben. Du würdest wieder nur lachen, laut, mitreißend. Du würdest mit ihr leiden, wenn sie weint, sie durchschauen, wenn sie es drauf anlegt, ihren Willen zu bekommen. Du wärst begeistert, verliebt und voller Sehnsucht, sobald sie nicht da wäre. Genauso wie ich es bin, wegen ihr. Und wegen D I R.

Mama und ich

Deine Blicke sind meine Blicke

Ich erinnere mich noch genau an den September vor drei  Jahren. Er war so wie ein Sommermonat. Jeden Sonntag bin ich zu D I R gefahren. Immer mit meinem neuesten Kleid, immer hübsch zurecht gemacht. Ich wollte D I R gefallen, eine Freude machen. Ich habe Dir Deine Haare gewaschen, Krebshaare hast Du sie genannt. Sie sind immer mehr ausgefallen, waren leblos, müde. Aber dann hast Du Dich besser gefühlt. Wir haben ein Taxi bestellt und sind essen gefahren. Saßen laaange in der warmen Sonne, haben Wein getrunken, über die Große, also Mini-me geredet. Sie war gerade 3, heute redet sie immernoch von Dir.  Die Treffen waren schwer, es war jeden Sonntag ein Abschied, denn niemand wusste, wie lange es noch geht. Aber es gab nie Tränen. Du hast Dich an mir festgehalten, und ich mich an Dir. Ich wollte Dich nicht gehen lassen. Wenn ich mich heute an unser letztes Telefonat erinnere, wird mir klar, dass das der Punkt war, an dem Du nicht mehr konntest, an dem Deine Seele aufgegeben hat. Das war der Mittwoch. Damals dachte ich, ich könnte Dich noch an dem Sonntag sehen, aufmuntern, stützen, da sein. Samstag abend bist Du gegangen, als wir alle uns schon von Dir verabschiedet hatten. Ich saß mit meiner kleinen Familie gerade beim Abendbrot und habe gelacht. Wahrscheinlich hast Du noch mal zu uns ins Küchenfenster gesehen – das würde in einem amerikanischen Spielfilm oder einer Familiensaga passieren. Der Geist der Toten, die Seele vielleicht, sieht nochmal bei seinen Lieben zum Fenster hinein. Ja, das hätte gepasst. Denn Dein und mein Band war dicke, besonders, fast grenzenlos. Und ich glaube fest an das Bild mit dem Fenster, denn das brauchtest Du um gehen, um uns,  mich loslassen zu können. Am Nachmittag waren wir, also die ganze Familie noch alle bei Dir. Du konntest weder mit uns lachen, noch auf unsere dummen Scherze reagieren. Du warst aber noch am Leben, auch wenn Du die ganze Zeit geschlafen hast und Dein Körper schon merklich kühler war. Als wir weg waren, es ruhig wurde um Dich, hast Du langsam losgelassen.

birkenstamm im herbst
Als der Anruf noch an diesem Abend kam, DU seist gegangen, war ich erleichtert. Ja, fast glücklich. Weil ich wusste, DU hast es so entschieden. Und weil alle Schmerzen, alle Qualen vorbei waren. Ich konnte mir gut vorstellen, wie Du nun eins werden würdest mit der Natur. Das war es, woran Du immer geglaubt hast. Dass man „danach“ eins mit der Natur wird, dass man nicht verschwindet, denn Gott muss überall sein. Goethe war schließlich auch Pantheist, und Du warst ihm nahe.
Ja, ich war glücklich, dass es vorbei war. Und ich erinnere mich noch gut, als die Sonne immer wieder durch die bunten Blätter des Herbstes schien und ich mich die Zeit nach Deinem Tod Dir so unglaublich nah fühlte. Fast so, als sprächen die Blätter zu mir. Ich glaube immer noch, dass Du das warst. Komischerweise fliegt an Familienbegängnissen immer mal ein Schmetterling zu uns in die Wohnung oder sitzt plötzlich im Treppenhaus. Ein Jahr nach Deinem Tod kam ein Vogel ins Wohnzimmer meiner Schwester geflogen. Ich brauche keine weiteren Beweise, dass es Dir gut geht. Nur ab und an ein Zeichen wäre schön. Denn die „Vermissung“ ist unglaublich.

 

Mini#2 & Mini-me <3

Mini#2 & Mini-me <3

Ich wünschte, Du könntest die beiden Süßen sehen. Ich wünschte, Du würdest Dich öfter in einen Traum von mir schleichen. Einfach um Dir für ein paar Minuten nah zu sein. Denn auch in diesem dritten September, also nach drei Jahren hört weder die Sehnsucht auf, noch der Schmerz. Du fehlst. Unendlich. Für immer. Auch wenn Du im Kleinformat und in Blond dazusein scheinst. Anders als früher, mit neuer Persönlichkeit. Aber doch gleich.

Blätter im Wind#

Auch nach den drei Jahren ist dieser Monat nicht leichter. Ich spreche nie darüber, mit niemandem. Kann es nicht. Aber ich fühle es – immer wieder und besonders jedes Jahr im September. Seit 3 Jahren.

28. September 2016 von Mrs. Popsock
Kategorien: Aus`m Leben | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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